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Matsch ist das «Waldgold» im Waldkindergarten Flensburg

Während der Süden gerade im Schnee versinkt, gibt es im Norden nach ein paar Tagen Frost, echtes norddeutsches Schmuddelwetter. Der Regen kommt waagrecht und die Kinder vom Waldkindergarten Flensburg tanzen durch die Matschpfützen die den Waldboden schmücken.

Matscherfahrung - es gibt nichts Schöneres, als Kinder dabei zu beobachten, wie sie Matsch kneten, formen und zerkrümeln. Wir fragen Petra Jäger zusammen mit ihren Teampartnern, Tim Murmann und Andre Peitz, jeden Tag zweiundzwanzig Waldkinder im Wald betreut. Matsch ist für die Kinder ein grosser Anziehungspunkt, denn der Tastsinn, die sinnliche, haptische und fühlbare Wahrnehmung ist eines der wichtigsten menschlichen Wahrnehmungssysteme, um Informationen über die Umwelt zu erhalten. «Wir beobachten oft gerade Kinder, die im Wahrnehmungsbereich Entwicklungsverzögerungen haben, dabei wie sie ihre Hände im Matsch bewegen und sich dadurch auch vom Matsch berühren lassen. Manchmal kommt es mir so vor, als ob die Hände Türöffner sind, für Bereiche, die dem Bewusstsein noch nicht zur Verfügung stehen.», sagt Petra Jäger. Oft beobachtet sie Kinder, die über eine lange Zeit, den Matsch immer und immer wieder durch die Hände gleiten lassen und sich selbst dabei völlig versunken zuschauen. Diese Handlung ist für die Kinder und das Erzieherteam sehr wichtig und keiner von ihnen würde auf die Idee kommen, dem Kind zu sagen, dass es sich schmutzig macht oder lieber etwas Anderes spielen soll oder irgendein ein Bastelprojekt dringend erledigen muss. Auch wenn der Matsch in der kalten Jahreszeit bitterkalt ist und die Kinder gerade deshalb manchmal auch enttäuscht sind, weil die Matschhandschuhe nur ein fauler Kompromiss sind, ist die Vorfreude auf wärmere Temperaturen im Frühling riesengross.

Matsch ist das grösste Waldgeschenk für die Kinder

Die Vorstellungskraft wird durch den Matsch sehr angeregt, denn die Vielfalt der Möglichkeiten, was das Kind mit dem Matsch alles spielen kann, ist grenzenlos. «Kinder sind Baumeister ihrer selbst», sagte Maria Montessori und dazu gehört natürlich auch das kreative, phantasievolle Gestalten, durchaus auch mit Matsch. «Sehr gerne werden auch Kugeln aus dem Matsch geformt und mit Sand vermengt, damit sie eine bessere Festigkeit haben. Diese Kugeln werden dann oft den ganzen Waldkindergartentag vorsichtig in der Hand behalten, selbst beim Rucksackanziehen oder beim „Pippi“ machen gehen, wird die Kugel so in der Hand balanciert, dass sie nicht kaputt geht.», weiss Petra Jäger aus ihrem Waldalltag zu erzählen. Der Tagesplan im Waldkindergarten wird auch komplett hinfällig, wenn die Gruppe einen Berg aus Lehm entdeckt, dann schlagen sie an Ort und stelle ihr Lager auf und verbringen den ganzen Waldtag dort.


Baumfreunde sind auch Mooshandtücher

Über den Geruch von Matsch nehmen wir den Geruch der Erde wahr. Für die Kinder ist der Matsch erstmal interessant, es gibt Kinder, die tauchen regelrecht hinein, und dann gibt es Kinder, die stehen schon mit einem Taschentuch parat und möchten damit nicht in Berührung kommen. Auch diese Zurückhaltung begleiten wir mit Freude, denn etwas nicht zu spüren, was man nicht mag, ist auch gut. «Nach drei Jahren Waldkindergarten haben eigentlich die meisten Kinder Gefallen daran gefunden, sich am Matsch auszuprobieren.», weiss Petra Jäger zu erzählen.
Werden die Hände nach einer Matschzeit so richtig erdig, haben manche Kinder das Bedürfnis ihre Hände von der klebrigen Masse zu befreien, damit sie in ihr Frühstücksbrot reinbeissen können. Im Wald finden die Kinder viele Handtücher. Sie schauen genau, dann entdecken sie eine freundliche Frau Buche oder einen Herrn Eiche, die an der „Nordwest Seite“ ein Mooshandtuch für sie bereithalten. Die Kinder kennen es auch, sich dann bei dem Baum zu bedanken. «Zu den Bäumen gehen alle gerne! Wir haben auch Kinder, die ein kleines Tuch in ihrem Rucksack haben, um sich die Hände zu säubern.», sagt Petra Jäger

 

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Die Grossen erziehen die Kleinen

Petra Jäger weiss auch von Matschmonstern und Gummistiefelfallen zu erzählen. Das sind die Matschkuhlen, die teils so tief sind, dass der Matsch über den Stiefelrand in die Socke steigt. Die älteren Kinder haben damit schon einschlägige Erfahrungen gemacht, deshalb testen sie vorher mit einem Stock aus, wie tief der Matsch ist. «Oft ruft dann ein älteres Kind «Vorsichtig Gummistiefelfalle oder Matschmonster», erzählt Petra Jäger. So erziehen sich die Kinder gegenseitig dazu, vorsichtig zu sein. Aus der Ferne kann das Leiterteam auch beobachten, welches der Kinder, sich nach dieser Vorsichtsansage erst recht aufgefordert fühlt, die Matschmonsterfalle auszuprobieren, ob der Stiefel tatsächlich versinkt. «Bei ganz kalten Temperaturen, geben wir dann aber auch die Empfehlung weiter, nicht reinzugehen. Oder wir fragen, wer es heute schafft, darüber zu springen.», sagt Petra Jäger. Nach der Riechprobe kommt die Geschmacksprobe oder wie schmeckt wohl der Matsch. Petra Jäger kann sich zwar nicht wirklich erinnern, dass Kinder den Matsch bewusst essen, aber auf dem ein oder anderen Frühstücksbrot ist schon mal ein bisschen Matsch zwischen die Zähne gekommen. Das knirscht dann so, dass die Kinder etwas länger an einem Bissen kauen und mit der Zunge an den Zähnen spielen.

Die Elternarbeit des Erzieherteams ist goldwerte Beziehungsarbeit

Wenn Matsch kein Dreck ist, was ist er dann? «Ein Kind sagte mal zu mir, dass er „Waldgold“ sei, seitdem benutzen wir das kreative Wort in allen Lagen. Es ist für uns wirklich goldwert.», erzählt Petra Jäger uns freudestrahlend. Nach jedem Matschwaldtag kommt der Moment, dass die Matschkinder von ihren Eltern abgeholt werden. Nun darf man wirklich verwundert sein, wie die Eltern auf ihr Matschkind reagieren. Auch hier überrascht Petra mit ihrer Antwort: «Wir lieben unser Verhältnis zu den Eltern und bieten durch unsere intensive Elternarbeit viele Möglichkeiten, Vertrauen zu schaffen. Wir schätzen unser harmonisches, respektvolles Miteinander in der Beziehung zu den Eltern.», kommt sie ins Schwärmen. Das Leitungsteam pflegt einmal im Jahr den Besuchstag bei den Familien. An diesem Tag werden alle Kinder zu Hause von zwei Erziehern besucht. Sie essen oft zuerst gemeinsam zu Mittag und anschliessend spielt einer der Leiter mit dem Kind und der andere Erzieher hat Zeit sich mit den Eltern auszutauschen. Neben diesen Besuchstagen finden regelmässige „Entwicklungsgespräche“ im Wald statt.

Zu diesen Gesprächen sind die Eltern eingeladen, mit einem Erzieher*in über das Kind zu reflektieren, von dem Kind zu schwärmen oder sich begeisternd darüber zu äussern. Dabei lernen die Leiter viel von den Eltern und auch umgekehrt. «Ein Thema bei diesen Gesprächen ist auch das «goldige Kind, bestückt mit Waldgold» beim Abholen“, sagt Petra Jäger. Die Erzieher berichten über Erlebnisse der Kinder während der Waldtage. Das dreckige Kind ist ein Spiegel für viele freudvolle Spielmomente am Vormittag. Gemeinsam mit den Eltern wird überlegt, wie sie ein matschig erdiges Kind begrüssen. Manche Eltern sagen, «Na, du süsses Waldschweinchen, hast du Spass gehabt?» Oder: «Ich sehe, du hattest einen tollen Tag!» Eine Grossmutter an ihren Krückstock angelehnt, sagte einmal zu einem ganz „waldgoldigen Kind“, «Du siehst aber geliebt aus!». Auch die wertschätzende Äusserung an die ganze Gruppe von Eltern nach einem Matschdauerregentag: „Ihr seid die Helden des Tages!“, ist für alle toll. Es gibt auch Eltern, die ihre Kinder bereits im zweiten oder dritten Waldkindergartenjahr haben, die sind gelassener und haben viele Lösungen gefunden, die sie gerne mit den neuen «Eltern-Hasen» austauschen. Hier haben sich wahre Prozeduren beim Abholen bewährt, wie das Kind erst ausziehen und dann ab in die Wanne im Kofferraum gleich zum Baden. Petra Jäger warnt nur davor, die Kinder bitte nicht in Müllsäcken zu transportieren, denn hier lauert die grosse Gefahr, dass die Kinder bei einer Vollbremsung durch den Gurt rutschen. «Tolle Matschfotos werden von den Eltern an Elternabenden wie wahre Trophäen präsentiert. Hierzu gibt auch es immer viele kleine Geschichten.», erzählt Petra Jäger lachend. Es gelingt natürlich auch nicht allen Eltern, ihr Matschkind in die Arme zuschliessen und es auf den Autositz klettern zu lassen. Sie haben einen liebevollen Vater, der seinen Sohn in seinem Land Rover Platz nehmen lässt und meinte, dass sein Auto so von innen und aussen aussehen muss. Eigentlich fehlt nun nur noch, dass die Eltern ebenfalls freiwillig auf die Matschrutschbahn gehen und von den Waldkindern dazu eingeladen werden. Das findet Petra Jäger eine tolle Idee, aber dazu ist es noch nicht gekommen, obwohl den Eltern genug Möglichkeiten gegeben werden, die Waldtage in allen Facetten kennenzulernen.
 
Fotos Petra Jäger